· 

Das "Tempelchen" auf dem Südfriedhof

Eugen Wolff / Franz Benno Wolff-Limper

 

Die Grabstätte Wolff-Limper, besteht aus einem feinen neoklassizistischen Tempietto (Muschelkalk), in dessen Sturzinnenseite das Kölnische Wappen sowie Handwerk- und Schifffahrtsymbole mit aufgenommen sind (circa 1915).

 

 

Tempietto (italienisch für Tempelchen) bezeichnet kleine Bauwerke in Tempelform, meist als Rundtempel mit Säulen und Kuppel ausgeführt. 

 

Sidol – ein Unternehmen mit Weltgeltung

 

Braunsfeld war im Vergleich zu Müngersdorf ein ganz junger Vorort. Den Namen erhielt er von Ferdinand Leopold Braun (1804-1892), der als Fuhrknecht von Aachen nach Köln zog und hier 1835 in die Unternehmerfamilie Nakatenus einheiratete. Seit 1845 verdiente er in der ersten Phase der Industrialisierung viel Geld mit neu konzessionierten Ziegeleien an der Kitschburger Straße („Mühlenweg“), Christian-Gau-Straße („Ziegelweg“) und an der später nach ihm benannten Braunstraße. 1864 beantragte Ferdinand Braun beim Bürgermeister von Efferen, für die 14 inzwischen entstandenen oder im Bau befindlichen Häuser auf seinen Grundstücken einen eigenen Ortsnamen. So wurde „Braunsfeld“ am 20. April 1864 offiziell beurkundet.

 

Nördlich der Aachener Straße überwogen bis ins frühe 20. Jahrhundert die Ackerflächen. Auf Grund und Boden des ehemaligen, Pauli gehörenden Maarhofs entstand vor dem Ersten Weltkrieg ein Wohnviertel mit ansehnlichen Bürgerhäusern („Pauliplatz“). Die erste Industrieansiedlung in Braunsfeld erfolgte 1903 durch die Orivit AG, die von Ehrenfeld kam und an der Eupener Straße einen Fabrikneubau bezog.

 

 

 

 

Im gleichen Jahr gründeten Oskar Siegel und Eugen Wolff in der Eifelstraße in der südlichen Neustadt eine chemische Fabrik für Reinigungs- und Lösungsmittel, die 1910 ihren Standort zunächst nach Nippes verlegte, aber bereits im Folgejahr zur Eupener Straße in die Nachbarschaft von Orivit zog. Hier entstand 1911 der erste backsteinerne Fabrikbau von Siegel & Co., die wegen ihres damals gängigsten Produkts, Sidol, eines Metallputzmittels, fortan Sidol-Werke hießen. Außer dem Metallputzmittel wurden nach 1918 viele neu entwickelte chemische Reinigungs- und Pflegeprodukte angeboten, darunter das Bohnerwachs „Sigella“. Die Herstellung aller Produkte erfolgte noch im Handbetrieb, wobei die rasch steigenden Fertigungszahlen dringend eine Mechanisierung der Produktionsabläufe, d.h. insgesamt ein moderneres Fabriksystem erforderlich machten. 

 

 

Das weitläufige Sidol-Gelände, das tief von der Eupener Straße bis zur Herbesthaler Straße reichte, bot ausreichend Platz für alle notwendigen Erweiterungsinvestitionen einschließlich Neubauten. Als die Inflation überstanden war, setzte man diese Pläne mit Hilfe des in Köln und gerade auch in Braunsfeld sehr anerkannten Architekten Otto Müller-Jena (1875-1958) in die Tat um. Otto Müller stammte aus Jena und machte sich 1900 als Architekt in Köln selbstständig. Drei Jahre später gehörte er zu den Gründern der Kölner Ortsgruppe des Bundes Deutscher Architekten (BDA). 1906 heiratete Müller-Jena in die bekannte Kölner Architektenfamilie Wiethase ein.

 

Vor dem Ersten Weltkrieg baute er in Köln das Verwaltungsgebäude der Colonia Versicherung am Rheinufer; 1914 war er mit wichtigen Arbeiten auf der Kölner Werkbund-Ausstellung vertreten.

 

Den Inhabern der Sidol-Werke war Müller-Jena durch seine 1921 bis 1924 entstandenen kleinen Villenbauten in der Malmedyer und in der Eupener Straße bekannt, die er mit der nach 1918 gegründeten „Barbarossa Gesellschaft für Wohnungsbau mbH“ errichtete.

Müller-Jena erhielt von den Sidol-Werken den Auftrag, entsprechend den gestiegenen Produktionsanforderungen mehrere moderne Industriebauten in Eisenbeton-Bauweise zu planen, darunter ein Maschinenhaus, einen Bunker für Braunkohle, eine Heizkesselanlage, einen Wasserturm, chemische Laboratorien, eine Wachsschmelze, eine Halle zur Blechwarenherstellung für die eigenen Lösungsmittel, eine Druckerei, alles nach neuesten technischen Erkenntnissen, vollautomatisch, durchrationalisiert mit Fließbandsystemen, wirklich avantgardistisch im Stil des „neuen Bauens“.

 

Die Neubauten der Sidol-Werke entstanden 1926 bis 1928 auf einer winkelförmigen Grundfläche in vier Geschossebenen mit breiten Fensterbändern. Die Fassaden erhielten einen glatten weißen Kalkputz. Das Fabrikensemble wurde in der Fach- wie in der Lokalpresse enthusiastisch gelobt und als in seiner Art für das Rheinland äußerst selten herausgestellt.

 

 

 

Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hatten die Sidol-Werke bei kontinuierlichem Wachstum 4 000 Beschäftigte. Es gab inzwischen Zweigniederlassungen in Amsterdam, Brüssel, Barcelona, Florenz, Lissabon und Warschau. Oskar Siegel gehörte nur bis 1922 zum Eigentümerkreis.

 

 

Seit 1937 wurde das Unternehmen vom Sohn des Mitgründers Eugen Wolff (1878-1937), Franz Benno Wolff-Limper, geleitet. Einen Wermutstropfen in der erfolgreichen Geschichte von Sidol bedeutete es zweifellos, dass während des Zweiten Weltkrieges auch hier Zwangsarbeiter, vornehmlich aus Polen, eingesetzt waren. 1943 zerstörten Luftangriffe Teile der Fabrikbauten, insbesondere die älteren aus Backstein an der Eupener Straße. 1946 bis 1951 vollzog sich der Wiederaufbau der chemischen Fabrik mit dem Kölner Architekten Valentin Pollack (1900-1994). Ein eingeschossiges Versandhaus und ein Trafohaus mit Werkshalle wurden neu errichtet. Die beiden markanten Pförtnerhäuschen in Rundbauweise mit ihren typischen kleinen Fenstern entstanden 1949. Grundlage des gesamten Fabrikensembles blieb auch jetzt das von Otto Müller-Jena in den zwanziger Jahren realisierte Konzept des „neuen Bauens“.

 

1969 fusionierten die Sidol-Werke mit den Thompson-Werken in Düsseldorf zur „Thompson-Siegel GmbH“. Aber bereits 1971 übernahm der Düsseldorfer Waschmittelhersteller Henkel & Cie. das gesamte Unternehmen. Seit Beginn der acht­ziger Jahre wurde die Produktion komplett von Köln nach Düsseldorf verlagert. Sidol wird noch heute von Henkel hergestellt.

 

Vom Industrieareal zum Wohnpark

 

Das Industriegelände zwischen Eupener und Herbesthaler Straße wurde damit, wie so viele andere bedeutende ältere Industrieareale Kölns, insbesondere aus Kölner Vororten, deindustrialisiert. Ein Teil des Geländes wurde Bestandteil des Technologieparks Braunsfeld der LIAG Lammerting Industriebau AG. Bis zum September 2009 verab­schiedete die Stadt Köln einen Bebauungsplan für dieses Gelände. Den Masterplan für einen neuen Wohnpark an dieser Stelle hat das Kölner Architekturbüro Schilling entwickelt. Im Oktober 2010 kaufte die Dornieden Generalbau, Mön­chengladbach, 5,3 Hektar der alten Industriefläche. Das wichtige Sidol-Gebäude von 1926 in Eisenbeton-Bau­weise von Otto Müller-Jena steht unter Denkmalschutz. Es soll in Zu­kunft für Büro- und Praxisflächen genutzt werden. Viele leer stehende Hallen wurden jetzt abgerissen, um Platz zu machen für ein völlig neues, gehobenes Wohnquartier an diesem deindustrialisierten Ort.

 

Bis 2016 entstanden hier in drei Bauab­schnitten mit insgesamt etwa 400 Wohn-einheiten in viergeschossigen Häusern mit Miet- und Eigentums­woh­nungen sowie kleineren Stadt­villen das Wohnquartier „Park Linné“, benannt nach dem berühmten schwe­dischen Botaniker des 18. Jahrhunderts.

 

 

Die Kölner Wirtschaftshistorikerin und Autorin dieses Beitrags machte ihren Osterspaziergang 2013 im neuen „Park Linné“, dessen Grün sich erst spärlich zeigt, dessen neue, noch staubige Straßentrassen noch keine Namen tragen. Sie alle sind jedoch laut Mehrheitsbeschluss der Bezirksvertretung Lindenthal re­serviert für weitere historisch be­deutsame Botaniker und Botani­kerinnen, wie Hildegard von Bingen, Basilius Besler, Eduard Strasburger, Elisabeth Schiemann und die Che­mikerin Clara Immerwahr (nicht Carla oder Carl – wie in diversen Presseartikeln zu lesen war).

 

Soll es hierdurch grüner werden in diesem mehr oder weniger eng be­bauten luxuriösen Wohnquartier? Wie schön wäre es, könnte die Köl­ner Wirtschaftshistorikerin, ja, könn­ten mit ihr viele Müngersdorfer und Braunsfelder Bürger, die doch alle ihre Stadt auch wegen derer ge­schichtlichen Eigenart lieben, beim zukünftigen Spaziergang durchs neue Wohnquartier Park Linné hier den Namen von Otto Müller-Jena, der seltsamerweise im Gegensatz zu seinem Schwiegervater Wiethase noch keine eigene Straße in Köln bekommen hat, oder – eine Reminis­zenz an den einst doch so bedeuten­den Wirtschaftsfaktor Sidol – Namen der hier so erfolgreichen Kölner Un­ternehmer Oskar Siegel und Ben­no Wolff-Limper in Erinnerung ge­halten werden. Sogar ein „Sidol-Platz“ er­schiene angesichts der Weltgel­tung dieses Produkts durch­aus sinnvoll.

 

Quelle Text: https://www.buergerverein-koeln-muengersdorf.de/ortsgeschichte/von-sidol-zu-park-linn%C3%A9/

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0